8.12.2020 | dax 40 Masse und Klasse

Mehr Kontrolle, strengerer Zugang, größere Bandbreite: Die Deutsche Börse verändert die Regeln und Größe von Dax und MDax. Vieles verbessert sich bei den Indizes – aber nicht für jeden Anlegertyp.


TEXT: Peter Weißenberg

Guillaume Faury hat in diesen Zeiten wahrscheinlich so wenig Grund zur Freude wie kaum ein anderer Konzernchef: Der Vorstandsvorsitzende von Airbus leidet enorm unter dem Einbruch des weltweiten Flugverkehrs. Massenweise haben die coronagebeutelten Airlines sicher geglaubte Bestellungen storniert.  In manchen Monaten ist nicht eine einzige neue Maschine in die Orderbücher eingeflogen, Tausende Arbeitsplätze muss der Manager streichen.

Im kommenden Jahr allerdings sehen Faury und seine Kollegen ziemlich gewiss einem Aufstieg entgegen: dem Einzug in Deutschlands Elite-Liga der Börse. Airbus ist einer der heißesten Kandidaten auf die Aufnahme in den Dax im kommenden September. Das hängt sicher mit steigendem Anlegerinteresse nach dem Ende der Pandemie zusammen – vor allem aber mit den neuen Regeln der Dax-Zusammensetzung.

Besonders zwei Bestimmungen machen Airbus, aber auch die Medizintechnik-Firma Siemens Healthineers oder den Laborzulieferer Sartorius zu Favoriten beim Dax-Zugang: Künftig entscheidet vor allem der Wert aller börsengehandelten Aktien über die Aufnahme in den Leitindex und nicht zusätzlich der Börsenumsatz –  darüber hinaus wird die Zahl der Mitglieder von 30 auf 40 erhöht (s. Infokasten). Diese Änderungen hat die Deutsche Börse unlängst beschlossen; im September 2021 treten die wesentlichen Regeln der Neuordnung in Kraft. Intensive Gespräche mit wichtigen Marktteilnehmern sind der größten Änderung im Dax-Gefüge seit seiner Erschaffung 1988 vorangegangen.

„Die angekündigten Maßnahmen bilden ein sehr umfassendes Spektrum an Veränderungen ab.”

Joachim Schallmayer, Leiter Kapitalmärkte und Strategie bei der DekaBank

Das neue Regelwerk ist eine kraftvolle Reform. „Die angekündigten Maßnahmen bilden ein sehr umfassendes Spektrum an Veränderungen ab”, analysiert Joachim Schallmayer, Leiter Kapitalmärkte und Strategie bei der DekaBank. Dabei liege der Umfang der umzusetzenden Reformschritte „eher am oberen Rand dessen, was erwartet worden war.

Gerade die Ausweitung der Mitgliederzahl von bisher 30 auf 40 Mitglieder sei die goldene Mitte bei der Suche nach mehr Vielfalt. Mit den obengenannten Schwergewichten, aber auch Kandidaten wie Online-Händler Zalando, Aroma-Produzent Symrise oder Biotech-Firma Qiagen erhöht sich die repräsentierte Bandbreite „Made in Germany”. Noch mehr Mitglieder hätten hingegen die Abgrenzung zu den kleiner marktkapitalisierten Segmenten erschwert, so Schallmayer.

Denn mit dem wahrscheinlichen Aufstieg machen Schwergewichte wie Airbus mit seinem Börsenwert von fast 71 Milliarden Euro machen die Schwergewichte zugleich auch ihren Abflug aus dem nächstkleineren Index MDax. Dessen Index-Kapitalisierung wird durch die Veränderungen deutlich zurückgehen – die mittelgroßen Mitglieder werden also insgesamt ein kleineres Volumen repräsentieren. Zudem sinkt deren Zahl auch noch um 10 auf 50. 

Der Dax allerdings wird dynamischer: „Erfolgreiche Unternehmen müssen jetzt nicht mehr so lange wie bisher im MDax verweilen, sondern schaffen schneller den Aufstieg in den Dax”, sagt Experte Schallmayer. Ein Abbild der deutschen Wirtschaft allerdings wird auch der „neue Dax” nicht. 

Der Dax ist nicht die deutsche Wirtschaft

Im Vergleich zu anderen europäischen Indizes wird das deutlich, wie die Deka analysiert. So ist der Dax zwar im Konsumgütersektor stark vertreten, allerdings eher über Konsumunternehmen, die konjunkturabhängig sind. In anderen Ländern sind es eher Konsumgüter oder Unternehmen aus dem Nahrungsmittel- oder Getränkebereich, die einen bedeutenden Indexanteil ausmachen. Sie werden immer gekauft, auch wenn die Wirtschaftslage nicht so rosig ist. Bei den Finanzdienstleister dominieren im Dax die Versicherungen, Banken kommt nur eine kleine Gewichtung zu. Und im Rohstoffbereich hat der Dax zum Beispiel keine Energie- oder klassischen Bergbauunternehmen, ist dafür aber stärker im Bereich Chemie oder Gase.

Wer als Anleger die deutsche Wirtschaftskraft in sein Portfolio holen möchte, ist also mit entsprechend zusammengesetzten Fonds besser bedient als mit dem reinen Nachzeichnen des Dax oder seiner kleinen Brüder. Börsenwert allein ist dafür nicht der Schlüssel. Und auch, wenn die Deutsche Börse jetzt bessere Kontrollmechanismen in ihre Indizes eingebaut hat – die Betrachtung durch einen Anlageexperten, der neben der Zahlenanalyse die Firmen regelmäßig besucht, auch Konkurrenten im Benchmark-Blick hat oder auf Messen und Kongressen die Leistungen einer Branche ausleuchtet, bietet zusätzliche Qualität bei der Auswahl. „Für aktive Fondsmanager sind die Veränderungen eher von untergeordneter Bedeutung”, resümiert denn auch Schallmayer.

Deren Kunden haben schließlich weit mehr Wünsche als die Firmengröße. Mit ihrer Vermögensbildung wollen viele zum Beispiel an den Megatrends wie Digitalisierung oder medizinischem Fortschritt teilhaben – oder auch mit ihrem Geld ein besseres Wirtschaften bewirken. Beim Thema Nachhaltigkeit allerdings haben die Dax-Macher keine strengeren Kriterien aufgestellt. Das bedauert etwa Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei der Deka: „Nachhaltigkeit ist heute bei vielen Investoren im Investment-Prozess integriert und bietet einen Mehrwert", sagt der Experte. Er hätte sich wie viele andere Fachleute eine Klausel gewünscht, nach der sich Dax-Mitglieder an bestimmte Nachhaltigkeitsregeln halten müssen – etwa, nicht mit sogenannten „kontroversen Waffen” Geschäft zu betreiben. 

Mit diesem verpflichtenden Kriterium Nachhaltigkeit hätte Guillaume Faury jedenfalls wohl am Dax 40 keinen Grund zur Freude gefunden – denn sein Unternehmen wäre in diesem Fall wahrscheinlich der Aufstieg in den deutschen Aktien-Olymp weiter verwehrt: Ein Airbus-Tochterunternehmen wartet die französischen Atomraketen.

Das sind die wichtigsten Dax-Reformen

Mit dem größten Umbau seiner über 30-jährigen Geschichte will sich der deutsche Vorzeigeindex krisenfester machen. Das sind die die wichtigsten Reformen.

  1. Mitgliederzahl: Der Dax wächst um ein Viertel – oder zehn börsennotierte Firmen –  insgesamt auf 40 Mitglieder. Dadurch sollen aus dem nächstkleineren Index MDax 10 Werte aufsteigen. Dem MDax gehören dann nur noch 50 statt 60 Unternehmen an.
  2. Kontrollverdoppelung: Statt bisher nur einmal im Jahr wird die Deutsche Börse künftig die Zusammensetzung des Dax ab kommenden Herbst zweimal im Jahr überprüfen – wie bisher im September und zusätzlich im März. 
  3. Wertewandel: Zur Reform im Herbst zählt allein die Marktkapitalisierung als Kriterium zur Dax-Aufnahme. Der Börsenumsatz spielt im Gegensatz zum Wert eines Unternehmens an der Börse keine Rolle mehr. Kandidaten müssen aber eine Mindestliquidität nachweisen.
  4. Gewinnerklub: Bereits jetzt hat die Deutsche Börse als Herausgeber des Index entschieden, dass nur noch Firmen in den Dax aufsteigen können, die seit mindestens zwei Jahren einen operativen Gewinn erwirtschaftet haben.
  5. Deadline: Wer als Mitglied der Indizes der Deutschen Börse seine  Bilanz nicht fristgerecht vorlegt, der muss Dax, MDax, SDax oder TecDax verlassen. Diese Deadline ist spätestens drei Monate nach Geschäftsjahresende und 45 Tage nach Ablauf eines Vierteljahres. Zudem muss bald ein Prüfungsausschuss des jeweiligen Aufsichtsrats die Einhaltung der Rechnungslegung überwachen und bei Verstößen nachweislich Konsequenzen ziehen. Für neue Aufnahmekandidaten gilt diese Regel ab März 2021, Mitglieder der Indizes haben beim Prüfungsausschuss eine Übergangsfrist bis September 2022.

Stand: 8.12.2020