Interview „Mit realen Werten wappnen“

Bedroht die wieder steigende Zahl an Corona-Infektionen auch die Kapitalmärkte? Wie wappnen sich Unternehmen und Regierungen? Und was sollen Anleger jetzt tun? Antworten von Joachim Schallmayer, Leiter Kapitalmärkte und Strategie bei der Deka.


TEXT: Peter Weißenberg

Herr Schallmayer, wer Geld anlegen will, musste sich schon immer mit volkswirtschaftlichen Wachstumsraten, Handelsströmen oder Inflationsraten beschäftigen. Seit Corona gehören nun auch Berichte der Gesundheitsbehörden dazu. Wird es da auch für einen Volkswirt schwierig?
Joachim Schallmayer: Ganz fremd sind mir solche medizinischen Meldungen nicht. Manches erinnert an die Krise rund um das SARS-Virus 2003. Auch damals wurden schon ganze Staaten abgeriegelt. Nur eben nicht weltweit – und die Wirtschaft war auch noch nicht in gleicher Weise globalisiert wie heute. Seitdem hat sich in vielen Krisen gezeigt, dass die Weltwirtschaft in solchen Situationen immer stärker von politischen Entscheidungen abhängig ist. Gerade auch die Kapital- und Finanzmärkte. Unkonventionelle Maßnahmen werden dabei inzwischen fast schon konventionell. Vor allem die Politik der Notenbanken zeigt das.

Joachim Schallmayer, Leiter Kapitalmärkte und Strategie bei der Deka

Was kommt in der Coronakrise neu dazu?
Sicherlich die massiven Fiskalpakete.

Da verliert man ja als Normalbürger fast schon den Überblick.
Ja, das hat eine ganz neue Dimension. Was ist neu in Kraft? Was ist ein reines Vorhaben? Was wird gerade verhandelt? Und was zeigt sich bereits in den ökonomischen Daten? Da muss schon sauber analysiert werden, damit man die Wirkung auf Wirtschaft und Kapitalmärkte auch richtig beurteilen kann.

Dazu kommt, dass wir von Fiskalpaketen rund um den Globus reden.
Stimmt, auch das ist so noch nicht da gewesen. Ob in den USA, Europa oder Asien: Fast jede Regierung, jedes Staatenbündnis stützt massiv Wirtschaft und Verbraucher – per Zuschüssen oder Krediten an Unternehmen, Kommunen oder Privathaushalte sowie über Kaufanreize. So wird der Krise auch bislang durchaus mit Erfolg begegnet. Und die Anleger belohnen diesen Einsatz mit Vertrauen in die Zukunftskraft; das zeigt sich an den Börsen seit dem Ende des großen Shutdowns im Frühjahr.

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Was sind denn die wirtschaftlichen Erfolge verglichen mit früheren globalen Krisen?
Da gibt es zwei ganz wichtige. Erstens hat die schnelle Reaktion der Geldpolitik eine erneute Finanzmarktkrise und damit negative Rückkopplungen in die Realwirtschaft abgewendet. Und zweitens wurden – trotz unsicherer Rahmenbedingungen – durch direkte Hilfszahlungen und Kurzarbeiterregelungen Härten am Arbeitsmarkt und bei Unternehmen aufgefangen und damit dem Einbruch extrem effektiv und schnell entgegengewirkt. Ein bodenloser Absturz ist ausgeblieben – und in manchen Bereichen sehen wir ja auch schon wieder eine deutliche Erholung.

Bei den Computer- oder Autoverkäufen etwa.
Genau. Was viele Menschen notgedrungen an Dienstleistungen wie Restaurantbesuchen oder Fernreisen gespart haben, geht teils in andere Bereiche. Und dieser Trend verstärkt sich nach dem ersten Schock im März und April inzwischen. Da gibt es Zuversicht. Nicht zuletzt, weil zumindest in Europa dank staatlicher Krisenhilfen keine stark steigenden Arbeitslosenzahlen zu verzeichnen sind. Dazu kommt, dass es auch Branchen gibt, die nicht unter Corona leiden – oder sogar in der Krise profitieren. Nehmen Sie nur den Onlinehandel oder Videotelefonie, aber auch Paket- oder Lieferdienste.

Die Börsen haben Covid-19 anscheinend schon abgehakt. Sind die Anleger nun cooler, klüger oder einfach blauäugiger als der Rest der Welt?
Realistischer. Die Börsen haben sich auch in dieser Krise als guter Vorlaufindikator erwiesen.

Also zum Beispiel durch den großen Absturz an den Börsen ab Anfang März?
Exakt. Da haben die Märkte den Shutdown der ganzen Welt mit der Unterbrechung ganzer Lieferketten vorweggenommen. Aber das Gleiche gilt auch für die rasche Erholung. Corona ist und bleibt jedoch auf absehbare Zeit ein Hauptthema. Wir können ja derzeit bestenfalls davon sprechen, dass sich die Neuansteckungsraten auf hohem Niveau konsolidieren. Da müssen wir weiter aufmerksam sein und gegebenenfalls schnell agieren. Das gilt im Zusammenleben genau wie an den Börsen.

Also geht es grundsätzlich auch mit den Märkten weiter aufwärts?
Die Aufschwungdynamik des Aprils dieses Jahres werden wir so natürlich nicht mehr sehen, aber ich erwarte auch keinen starken generellen Einbruch mehr. Im Umgang mit dem Coronavirus und den Folgen haben wir ja sowohl auf der medizinischen wie auch auf der wirtschaftlichen Seite gelernt, wie die Krise in Schach zu halten ist. Wenn es keine unerwarteten Entwicklungen mehr gibt, dann wird es jetzt eine Rückkehr zu einer soliden Aufwärtsbewegung bei Qualitätsanlagen geben. Denn die ist seit Langem ein genereller Trend.

„Reine Geldhaltung kostet Geld. Dagegen können sich Anleger nur mit Anlagen in reale Werte wappnen.“Joachim Schallmayer, Leiter Kapitalmärkte und Strategie bei der Deka

Wenn ich Ihre Analysen anschaue, bin ich etwas verunsichert: Die Deka-Experten haben aus den US-Unternehmen im Weltindex MSCI einmal die Dynamik von Facebook, Apple, Amazon, Alphabet, Netflix und Microsoft herausgerechnet. Ohne die sechs Digitalriesen sieht der Gewinnzuwachs ja weniger gut aus.
Das stimmt. Die Börsen sind da auch in den USA sehr zweigeteilt. Gerade während Corona zeigt sich zudem, dass die Krisengewinner zugleich eben auch die Treiber der digitalen Vernetzung sind. In China ist das übrigens genauso. Am MSCI-China haben Alibaba und Tencent alleine bereits mehr als 30 Prozent Anteil. Das ist aber keine grundsätzlich ungesunde Entwicklung. Diese Firmen wachsen einfach in die Vorschusslorbeeren hinein, die sie schon vor Jahren bekommen haben – auch von uns bei der Deka. Denn wir setzen schon lange auch auf diesen Megatrend. Digitalisierung hat zudem längst die ganze Wirtschaft erfasst.

Digitale Gewinn-Giganten an der US-Börse

US-Börse

Die Handelskonflikte oder das politische Ausbremsen mancher Digitalriesen wie Facebook in China oder Huawei und TikTok in den USA können dem Trend nicht schaden?
Das denke ich nicht. Manche wirtschaftliche Dynamik wird gerade bei der Digitalisierung lediglich je nach Weltregion von anderen Playern getragen; das WhatsApp von China ist eben Wechat, das Ebay Südamerikas heißt Mercadolibre. So entwickelt sich aber die ganze globalisierte Wirtschaft derzeit. Gerade Corona lehrt ja, dass etwas Autarkie den großen Weltregionen ganz guttut. Also beispielsweise Liefer- und Produktionsketten, die innerhalb von Großräumen funktionieren. Die sind durch diese Eigenständigkeit nicht so stark von einzelnen Systemlieferanten abhängig, die am anderen Ende der Welt sitzen – und ausfallen, wenn globale Lieferströme gestört sind.

Also stellen auch die Handelskonflikte keine Gefahr für die weitere Entwicklung an den Kapitalmärkten dar?
Diese Aussage wäre sicher übertrieben. Aber genau wie beim Thema Brexit können die Märkte damit inzwischen umgehen. Es gibt dabei zwar immer wieder mal schrille politische Töne, die kurzfristig zu Kursbewegungen führen. Aber grundsätzlich ist den Märkten klar, dass auf mittlere Sicht alle Beteiligten verlieren, wenn die Probleme nicht für alle akzeptabel gelöst werden. Mittelfristig schwenkt auch die Politik bisher stets auf diesen Kurs der Vernunft ein. Darum gibt es keine nachhaltigen Beeinträchtigungen.

Und beim Thema US-Wahlen?
Das Thema hat sicher das Potenzial, im Herbst und Winter noch deutlich Unruhe in die Märkte zu bringen. Vor allem, wenn wir auch lange nach der Wahl noch kein eindeutiges Ergebnis bekommen – zum Beispiel, weil einer der Kandidaten, man ahnt schon wer, gegen die Entscheidung vor Gericht zieht. Wir sehen ja schon beim vergleichsweise wirtschaftlich weit weniger bedeutenden Großbritannien, welche Belastungen durch unklare Situationen entstehen können. In einer Weltmacht sind solche Hängepartien eine noch schwerere Belastung.

Ob Biden oder Trump gewinnt, ist den Märkten gleich?
Zumindest plant ja keiner einen Systemwechsel. Mit Blick auf die Wirtschaft geht es eher um unterschiedliche Schwerpunkte. Diese werden dann nicht am ersten Tag nach der Wahl radikal umgesetzt, sondern über einen langen Zeitraum gestreckt. Damit sind sie planbar und stellen kein generelles Risiko für Unternehmen und Anleger dar.

Die meisten deutschen Anleger scheuen dennoch die Börsen. Ist das der größte Fehler der Vermögensbildung?
Das ist so, und das bleibt so. Wer auf lange Sicht sein Vermögen substanziell vermehren will, der kommt an Sachwerten nicht vorbei. Durch die Coronamaßnahmen wird jetzt auch perspektivisch noch klarer: Das niedrige Zinsniveau wird noch sehr lange anhalten, die Realzinsen sehen noch einmal schlechter aus.

Dafür drohen keine Schwankungen.
Reine Geldhaltung kostet Geld – oder anders gesagt: Absolute Sicherheit macht ärmer, weil sie Kaufkraft vernichtet. Mit Sicherheit. Dagegen können sich Anleger nur mit Anlagen in reale Werte wappnen.

Aktien, Unternehmensanleihen oder Immobilien?
Genau. Aber auch da gilt: Setzen Sie nicht alles auf eine Karte. Streuen Sie breit und investieren Sie kontinuierlich. Als kleine Beimischung kann da auch Gold eine Rolle spielen.

Klingt etwas kompliziert.
Darum gibt es ja auch Fonds, die solche Mischungen zusammenstellen. Die Prognosen der Volkswirte fließen da ein, ebenso wie die tiefen Einblicke der Fondsmanager und ihrer Teams. Die Deka setzt zum Beispiel schon lange auf Themen wie Dividenden oder auf Megatrends wie Digitalisierung, Nachhaltigkeit oder Gesundheit. Dabei geht es nicht um den schnellen Euro, sondern um langfristige Vermögensbildung. Das beweist sich gerade in Krisenzeiten wie jetzt.

Stand: 31.08.2020