Nachhaltigkeit Neulich in Deutschland

Nachhaltigkeit – vor einigen Jahrzehnten war das ein Begriff für bunte Exoten. ­ Doch ein Blick zurück in die 80er-Jahre macht deutlich, wie sehr sich die ­Republik seitdem weiterentwickelt hat. Längst ist die Nachhaltigkeit in der Mitte der ­Gesellschaft angekommen. Nachhaltige Investments helfen dabei, die großen Aufgaben der kommenden Jahrzehnte zu bewältigen.


TEXT: Daniel Evensen

Sobald die Reiseflughöhe erreicht war und die Anschnallzeichen erloschen, lösten die ersten Passagiere ihren Gurt, lehnten sich entspannt zurück – und steckten sich eine Zigarette an. Noch vor 30 Jahren war das in Flugzeugen gang und gäbe: Vor dem Qualm gab es selbst 11.000 Meter über dem Boden kein Entrinnen.

1990 wollte Lufthansa dem mit einem Rauch­verbot ein Ende bereiten. Doch die Tabaklobby leistete Widerstand – und fand natürliche Verbündete in den oft gleichermaßen vernebelten Redaktionen der Republik. „Lufthansa droht: Raucher in Handschellen“, empörte sich die „Bild“-Zeitung. Oder sie argumentierte mit zweifelhaften Studien: „Gute Nachricht für alle Zigaretten-Abstinenzler: Passivrauchen schadet nicht“. Schließlich flog Lufthansa eine Warteschleife und setzte das Rauchverbot erst 1995 um.


Flugzeug, Büro und sogar Schule – heute erscheint es unvorstellbar, wo damals überall geraucht wurde. Dank eines wachsenden Bewusstseins für Gesundheitsgefahren, dem hartnäckigen Einsatz von Nichtraucherinitiativen und zahlreichen Anpassungen der Gesetze hat sich der Qualm verzogen.

leidenschaft fürs sortieren

Doch das Rauchen ist nur eine Facette einer kaum zu überschätzenden Umwälzung unserer Lebenswirklichkeit. Mit einem Mix aus Überzeugung und Vorschriften sind die Deutschen in nahezu allen Lebensbereichen einer nachhaltigen Entwicklung nähergekommen – also einem Lebensstil, der den Bedürfnissen der heutigen Generation gerecht wird, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen einzuschränken. Das Land ist enkeltauglicher geworden.

„Die Menschen sind deutlich empfindsamer, wenn es darum geht, was unter Aspekten der Nachhaltigkeit lokal und global vertretbar ist“, sagt Marlehn Thieme, die als Vorsitzende des Rates für Nachhaltige Entwicklung an der Umsetzung der Nachhaltigkeitsstrategie mitwirkt.


Ein anderes Beispiel: Hausmüll. Noch in den 80er-Jahren landete er komplett in ein und derselben Tonne – mittlerweile sind die Deutschen ein Volk von Sammlern und Sortierern. Die Recyclingquote von etwa 65 Prozent ist weltweit einzigartig. Und fundamentale Veränderungen gibt es auch beim Strom: Einst demonstrierten Hunderttausende in Bonn und Brokdorf gegen Atomkraft. Immer vorneweg das Symbol, das die Alternative in sich trägt: die lachende rote Sonne. Heute decken erneuerbare Energien tatsächlich 31,7 Prozent des Strombedarfs und in fünf Jahren wird der letzte Atomreaktor vom Netz gehen.

Derweil hat sich auch die Naturkost aus der Öko-Ecke bewegt. Als 1971 der erste Bioladen – das Peace Food in Berlin – öffnete, konnten Kunden dort Körner, Trockenfrüchte und Räucherstäbchen kaufen. Gute vier Dekaden später gibt es etwa 40.000 Geschäfte mit breitem Biosortiment: von gepufftem Amaranth bis zu vegetarischer Wurst. Über drei Viertel aller Deutschen greifen zumindest gelegentlich zu.
 
Bei Familie Volland aus Nürnberg hat Bio Tradition. „Meine Mutter ist früher mit dem Jutebeutel zum gesunden, regionalen Einkaufen losgezogen“, sagt Leena Volland. Die 35-Jährige gehört zu den heutigen Ökopionieren, die fair produzierte Kleidung tragen und ihren Plas­tik­verbrauch minimieren. Auf ihrem von der UN ausgezeichneten Blog www.nachhaltig-sein.info zeigt ­Volland, wie nachhaltiges Leben geht – von Ernährung über Mode bis zum Reisen.

ein gefühl von verzicht

Bisweilen merkt die Bloggerin in Gesprächen aber, dass nicht jeder die Verantwortung bei sich selbst sieht. Einer der Gründe: „Nachhaltigkeit hat für viele etwas mit Verzicht zu tun“, so Volland. „Sei es nun, mit dem Fahrrad statt dem Auto zu fahren oder weniger Fleisch zu essen. Man will sich etwas gönnen, der Nachbar tut es ja auch.“ Das untermauert eine Forsa-Umfrage aus dem vergangenen Jahr. Fast 75 Prozent der Teilnehmer gaben zu Protokoll, dass sie im Alltag auf Nachhaltigkeit achten, etwa bei Lebensmitteln. Doch gleichzeitig wünschen sich mehr als die Hälfte der Befragten beim Einkauf im Supermarkt vor allem günstige Preise. Da klaffen Theorie und Praxis offensichtlich noch auseinander, im Leben des Einzelnen wie in der Gesellschaft und der Wirtschaft.

So neigt Deutschland nach Einschätzung von Marlehn Thieme vom Nachhaltigkeitsrat dazu, sich auf seinem Ruf als Recycling-Weltmeister oder Ener­giewende-Vorreiter auszuruhen: „Solche Titel sind trügerisch: Die CO2-Emissionen gehen zum Beispiel nicht weiter runter.“ Daher hinkt Deutschland trotz aller Maßnahmen seinen Klimaschutz­zielen hinterher – sogar bei erneuerbaren Energien. So gut es beim Strom mit der Quote von 31,7 Prozent läuft, bei der Wärme und dem Verkehr geht es kaum voran.­ Ohne weitere Anstrengungen werden die Treibhausgase bis 2020 nicht wie geplant um 40 Prozent ­sinken, sondern um etwa 30 Prozent.

Sollten aber viele Länder ihre Selbstverpflichtungen nicht einhalten, dann wird nichts aus dem Ziel des Weltklimagipfels von Paris, die Erderwärmung schleunigst abzubremsen. 

deutschland auf platz sechs

Ein gemischtes Bild ergibt sich auch beim SDG-Index, der bei 157 Staaten ermittelt, wie nah sie 17 von den Vereinten Nationen definierten Zielen für nachhaltige Entwicklung sind. Deutschland erreicht einen beachtlichen sechsten Platz. Doch es gibt einen Wermutstropfen: Die Autoren der Studie schreiben den Industriestaaten ins Stammbuch, dass sie „einer Vorbildrolle nicht gerecht werden“. Praktisch alle haben schlechte Noten beim Konsum­verhalten. Und sie verbrauchen zu viele Ressourcen, vor allem auf Kosten der ärmeren Länder.

Deshalb appelliert der Rat für Nachhaltige Entwicklung an Wirtschaft und Politik, den Wandel bei der Energieerzeugung, der Ernährung und Nahrungsmittelproduktion, bei Verkehr und Mobilität, bei Bauen, Wohnen und Flächennutzung voranzutreiben.

Eine wichtige Rolle spielen auch die Bürger, so die Ratsvorsitzende Thieme. Wem etwas nicht passe, der solle sich Gehör verschaffen: „Wenn wir Unternehmen mitteilen, dass wir mit Umwelteigenschaften ihrer Produkte oder den Arbeitsbedingungen unzufrieden sind, dann kann sich etwas ändern.“

Ein effizienter Weg, um sich bemerkbar zu machen, sind auch nachhaltige Investmentfonds. Denn sie investieren nur in Aktien oder Anleihen, die hohen ethisch-ökologischen Ansprüchen genügen. Mit ihnen­ fördern Anleger zukunftsweisende Geschäftsmodelle von Unternehmen, die eben nicht nur ans Geschäft denken. „Nachhaltige Geldanlage ist gelebte Verantwortung. Sie ist ein wichtiger Indikator dafür, wie viel der Gesellschaft an Nachhaltigkeit liegt, und zeigt den Firmen, ob sich ihr Engagement wirklich auszahlt“, sagt Expertin Thieme. Je mehr Anleger also mitmachen, desto stärker wird die Motivation für Unter­nehmen, nachhaltig zu wirtschaften. Denn dies wirkt sich positiv auf die Nachfrage ihrer Aktien und Produkte aus.

so ähnlich wie bio-eier

Der Trend geht in die richtige Richtung. In den vergangenen zehn Jahren hat sich das Volumen nachhaltiger Geldanlagen in Deutschland auf 157 Milliarden Euro etwa verzehnfacht. Noch stammt der größte Teil allerdings von institutionellen Anlegern wie Kirchen, Versorgungswerken und Stiftungen. Die Privatanleger sind hier die Nachzügler.

„Für sie scheinen nachhaltig orientierte Fonds so etwas Ähnliches wie Bio-Eier zu sein: Irgendwie sind sie aus ethischer Sicht besser, aber irgendwie aus finan­zieller Sicht teurer“, sagt Wirtschaftswissenschaftler Christian Klein von der Uni Kassel. „Doch dem ist nicht so. Wenn man das Rendite-Risiko-Verhältnis betrachtet, sind nachhaltige Fonds genauso gut oder sogar besser als konventionelle Fonds.“ Hat man die Bedenken zur Rendite ausgeräumt, bleibt eine weitere Hürde. Deka-Geschäftsführer Michael Schmidt: „Bei konkreten Dingen wie Bio-Eiern oder Ökostrom liegt der Nutzen auf der Hand, bei nachhaltiger Geld­anlage ist das nicht so einfach zu erkennen.“ Schmidt erarbeitet aktuell in einer Expertengruppe Vorschläge, wie man das Vertrauen der Anleger in nachhaltige ­Investments stärken kann.

Die Deka selbst hat ihre Entscheidung bereits getroffen und verwaltet seit 2014 ihre Eigenanlagen mit einem Nachhaltigkeitsfilter, der kritische Investmentbereiche ausschließt. Die Deka macht dies aus Überzeugung, sie sieht in ihrer Vorreiterrolle im Finanzsektor aber auch einen Wettbewerbsvorteil. „Wir können unseren Kunden mit Fug und Recht sagen, dass wir ihre Nachhaltigkeitsfonds so verwalten, wie wir mit unserem eigenen Geld umgehen“, erklärt Johannes Behrens-Türk. Der Leiter des Nachhaltigkeitsmanagements der Deka glaubt, dass auch andere Banken diesen Schritt in den kommenden Jahren gehen werden. Wenn dies nicht aus Einsicht geschehe, dann schon allein wegen der sich weiter entwickelnden Regulatorik.

„Die Zeiten, in denen man mit bloßen Lippenbekenntnissen zur Nachhaltigkeit durchkommt, sind vorbei. Das konkrete Handeln rückt immer stärker in den Blickpunkt“, so Behrens-Türk. Die Mischung aus Vorschriften und Überzeugung hat Deutschland seit den 80er-Jahren schon weit gebracht. Man darf gespannt sein, wo wir in 30 Jahren stehen werden.