Interview Dieter Meier „Unser Erfolg war definitiv ein Nebeneffekt“

Mit der Elektropop-Formation Yello wurde er weltberühmt. Doch das Phänomen Dieter Meier reicht noch viel ­weiter. Mit fondsmagazin spricht Meier über Risiken und Nebenwirkungen seiner multiplen Karrieren.


TEXT: Yorca Schmidt-Junker

Nach fast 40 Jahren Musikgeschichte gehen Sie ab Herbst erstmals mit Yello auf Tour. Haben Sie schon Lampenfieber?
Die Situation einer Live-Performance kenne ich bereits von Auftritten mit meinem anderen Musikprojekt „Out of Chaos“ – und da hatte ich gewaltiges Lampenfieber. Als wir dann vor Kurzem mit Yello zum ersten Mal Gigs in Berlin spielten, war ich erstaunlich ruhig bei der Sache. Was mich selbst überraschte. Wahrscheinlich ist es einfach eine Sache der Erfahrung und der Routine. Und der Nonchalance, die ich immer zu wahren versuche.

Dieter Meier – ein Mann mit vielen Talenten



Yello lebt ja vor allem von der Kunstfigur Dieter Meier. Trennen Sie eigentlich zwischen Ihrem künstlerischen Alter Ego und dem Unternehmer Dieter Meier?
Ja und nein. Natürlich sind Boris Blank und ich auf der Bühne in erster Linie Performer und spielen ein Stück weit eine Rolle. Aber dennoch würde ich nicht von einer Kunstfigur reden. Die Performance hat sehr viel mit mir zu tun; die Geschichten, die ich erzähle, die Art, mich zu bewegen, dieser spezielle Sprachrhythmus – das alles gehört zu meiner natürlichen Person. Ich trenne das nicht von meinen anderen Aktivitäten, weder von den unternehmerischen noch von den privaten.

Sie haben mehr Karrieren durchlaufen als die meisten anderen Menschen – vom Musiker über Winzer zum Rinderzüchter oder Großaktionär. Was treibt Sie an, neue Herausforderungen zu suchen und damit auch immer wieder neue Risiken einzugehen?
Ich liebe es einfach, mich auf unbekanntem Terrain zu bewegen und es dann schrittweise zu erobern. Das ist wohl eine Grundhaltung und Teil meiner DNA. Dabei suche ich die meisten Projekte gar nicht – meist kommen sie auf mich zu. Ich bin generell ­offen für alles, und wenn jemand kommt und mich begeistert, bin ich auf einmal mitten drin in dieser neuen Materie – und lerne erst einmal. Was mich treibt, ist, mich zu spüren beim Erklettern eines neuen Berges.

Würden Sie sich als risikofreudig bezeichnen? Oder begegnen Sie Ihren vielen Aktivitäten und Projekten eher spielerisch?
Das eine schließt das andere nicht aus. Ich bin definitiv kein Hasardeur und weiß, um die Bergsteiger-Allegorie zu bemühen, in welche Felswand ich meine Haken besser nicht schlage.

Was war rückblickend das Risikoreichste, was Sie getan haben?
Vielleicht war das mein Filmprojekt „The Lightmaker“. Ich hatte 1987 eine Filmförderung bekommen und stand nun vor der Aufgabe, einen sehr schwierigen Film zu drehen. Es gab viele Probleme, unter anderem hatte ein Filmlabor wichtige Teile des Filmnegativs zerstört. Ich musste prozessieren, was sich über sieben Jahre hinzog. Den Prozess habe ich gewonnen und der Film wurde 2001 an die Berlinale eingeladen.

Sind künstlerische Projekte mithin generell riskanter als zum Beispiel die Entscheidung, ein Investment zu tätigen?
Beides hat seine ganz eigenen Risikofaktoren. Als Investor geht man ein rein finanzielles Risiko ein, was auf Kalkül basiert und zumeist wohlüberlegt ist. Der Künstler hingegen will etwas über sich erfahren. Das ist schon tiefgreifender und essenzieller als bei einem Investment. Man setzt als Künstler also mehr die eigene Persönlichkeit und die Beziehung zu sich und der Welt aufs Spiel. Das kann unter Umständen das größere Risiko sein.

Neuerdings sind Sie auch Schokoladenfabrikant. Wieder ein Projekt, das Sie gefunden hat?
Absolut. Der Mann, der das Verfahren der Schokoladenkaltextraktion entwickelt hat, was in einem außerordentlichen ­Aroma des Endprodukts gipfelt, kontaktierte mich. Ich stellte bereits Kaffee her und betreibe da eine sehr sorgfältige Erntekultur; davon hatte er gehört. Kaffee- und Kakaobohnen sind ja artenverwandt, also qualifizierte mich meine Kaffeeproduktion wohl als designierten Schokoladenmacher (lacht). Und meine Laufbahn als Kaffeeproduzent wiederum ergab sich über einen Freund in der Dominikanischen Republik, der dort Zigarren herstellte. So kommt eins zum anderen. Eine Art Synergieeffekt, die meist aus Begegnungen mit spannenden Menschen und deren Ideen entsteht.

War auch die Musik und damit Yello so ein „Zufallsprodukt“?
Das kann man so sagen. Ich experimentierte Mitte der 1970er-Jahre mit kleinen Avantgardefilmen, in denen ich Sprachrhythmen kreierte, bis ein Musikproduzent zufällig darauf stieß und mich fragte, ob ich bei einem Projekt mit einer Punkband mitmachen wolle. Das war meine erste Musikerfahrung überhaupt. Ohne diesen Mann hätte es mit Sicherheit Yello nicht gegeben.

Aber bei Ihren Investments gehen Sie schon nach Plan vor, oder?
Mir muss immer das Produkt einer Firma gefallen, in die ich investiere. Das war bei Ulysse Nardin so, wo das mechanische Uhrwerk weitergedacht und völlig neu konzipiert wurde – was dann zu meinem Einstieg 1983 führte. Dies hat sich dann ausgezahlt, als Ulysse Nardin 2014 an die Kering-Gruppe verkauft wurde.

Gab es auch Fehlinvestments und Misserfolge?
Natürlich. Ich habe einmal versucht, das erste volldigitale Mischpult am Markt zu etablieren. Obwohl Filmleute das Gerät überaus schätzten und mit seiner Hilfe sogar Oscars gewonnen wurden, hat es den Sprung aus der Nische in den Massenmarkt dennoch nicht geschafft.

Sie haben mit Yello zwölf Millionen Tonträger verkauft, Hits wie „The Race“, „Oh Yeah!“ und „Vicious Games“ gehören zum Kanon des Elektropop und haben zahlreiche Hollywood-Produktionen musikalisch begleitet. Was bedeutet Ihnen dieser Erfolg?
Das Beglückende an meinen künstlerischen Aktivitäten und vor allem an Yello ist die Auseinandersetzung mit sich selbst und seiner Fantasie. Der Erfolg war definitiv ein Nebeneffekt; Boris und ich konnten nicht davon ausgehen, dass zwei Dilettanten, die in einer alten Fabrikhalle mit obskuren Gerätschaften Musik machen, so viele Platten verkaufen würden. Das war nie geplant. Wahrscheinlich war es genau diese kindliche Spielfreude, die zu einer eigenständigen Musik geführt hat.

Musik-CD & -Vinyl zu gewinnen

„Toy“ heißt das Album des Musiker-Duos Yello, das 17 Songs umfasst und seit Ende September 2016 im Handel ist. fondsmagazin-Leser können eine von fünf CDs oder eine von fünf Vinyl-Platten des 13. Studioalbums gewinnen.

Preisfrage:
Wie heißt der zweite Mann bei Yello, mit dem Dieter Meier bald auf Tournee geht?
Ein Tipp: Die Antwort finden Sie in diesem Interview.

Die Lösung (mit Angabe LP oder CD) senden Sie bitte per E-Mail an fondsmagazin@deka.de. Die Gewinner werden unter allen Teilnehmern ermittelt, die bis zum 31. Juli 2017 die richtige Lösung mailen.1 Viel Glück!