Weltfrauentag am 8. März Einsam an der Spitze – wo Frauen das Sagen haben

Frauen in Führungspositionen sind zwar keine Seltenheit mehr. Nach ganz oben, an die Spitze der weltgrößten Unternehmen, schaffen es aber noch wenige.


TEXT: Britta Scholz

2014 gibt Automobilkonzern General Motors die Berufung seines neuen Konzernoberhaupts bekannt – und die Medien sind aus dem Häuschen: „It’s a „Car Girl"!" Mary Barra, damals 52 Jahre alt und Mutter von zwei Kindern, schafft es als erste Frau in der über 100-jährigen Unternehmensgeschichte auf den Posten der Vorstandsvorsitzenden. Noch dazu in einer Branche, die so ziemlich jedes Männer-Stereotyp bedient.

Barras Weg dorthin könnte kaum geradliniger, kaum zielstrebiger gewesen sein. Mit 18 Jahren jobbt sie neben ihrem Elektrotechnik-Studium zum ersten Mal am Fließband bei GM, kontrolliert Stoßstangen und Motorhauben auf Qualitätsmängel. Nach dem Examen steigt sie als Ingenieurin im Betrieb ein, sattelt später noch ein Wirtschaftsstudium drauf. Schnell übernimmt sie Leitungsaufgaben zuerst in der Produktion, anschließend im Personal und in der Produktentwicklung. Ihre Auto-Leidenschaft lebt Barra auch privat aus, sie sammelt Oldtimer, trainiert für die Rennlizenz und jedes Mal, wenn eine Stippvisite bei der früheren Konzerntochter Opel ansteht, freut sich die US-Amerikanerin auf die freie und vor allem rasante Fahrt über die „German Autobahn“.

Bei GM ist man stolz auf das „Automädchen“. Aber nicht etwa, weil Barra eine Frau ist, sondern weil sie – wie ihr Vorgänger Dan Akerson sagte – „überragend“ ist. Dass das Geschlecht bei solchen Einschätzungen keine Rolle spielt, sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Doch der Trend hin zu neuen Rollenmustern und zur Auflösung längst überholter Geschlechterstereotype, hat in den Chefetagen großer Unternehmen erst begonnen.

Weniger als 3 Prozent Frauenanteil

Die gute Nachricht: Die Zahl der weiblichen CEOs – der Vorstandsvorsitzenden – steigt Jahr für Jahr. Dennoch zählen sie zu den noch eher seltenen Wesen. Von den Global-Fortune-500-Unternehmen, also den 500 umsatzstärksten Unternehmen der Welt, werden derzeit 14 von Frauen geleitet. Die Frauenquote liegt also bei unter 3 Prozent.

Nach General Motors mit Mary Barra auf Rang 32 der Global 500 findet man das nächste Unternehmen unter weiblicher Führung auf Platz 79: Anthem ist eines der größten Unternehmen für Gesundheitsleistungen in den USA und wird seit 2017 von Gail Boudreaux geführt. Boudreaux studierte Psychologie am renommierten Dartmouth College und später Finanz- und Gesundheitsverwaltung an der Columbia Business School.

Gail Boudreaux von Anthem

Ihre erste berufliche Station war aber eine Herausforderung ganz anderer Art: Frankreichs Profi-Basketball-Liga. In einem Team, mit dem sie wichtige Spiele gewinnen sollte, aber dessen Sprache sie nicht verstand, lernte die großgewachsene Amerikanerin die erste wichtige Lektion für ihre spätere Karriere: „Du kannst alles erreichen, wenn du aufgeschlossen bist und bereit, Risiken einzugehen.“ Nach einem Jahr in Versaille kehrte Boudreaux in die USA zurück und arbeitete in verschiedenen Firmen der Gesundheitsbranche als Führungskraft. Harte Arbeit, Engagement und der Teamgedanke machten Boudreaux zu einer der einflussreichsten Frauen weltweit. Im Fortune-Most-Powerful-Women-Ranking belegt sie derzeit Platz fünf direkt hinter der derzeitigen IBM-Chefin Virginia Rometty.

Leidenschaft als Schlüssel zum Erfolg

„Ginni“ Rometty lernte früh, was es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Als der Vater die Familie verließ, war sie 15 und musste sich mit um ihre drei jüngeren Geschwister kümmern. Ende der 1970er Jahre schloss die US-Amerikanerin ihr Informatik- und Elektrotechnik-Studium ab und stieg zunächst als Praktikantin bei General Motors ein. Doch Autos waren nicht Romettys Leidenschaft. Und Leidenschaft – das war ihre erste Lektion – „ist der Schlüssel zum Erfolg“.

Virginia Rometty von IBM

1981 wechselte sie zu IBM und übernahm bereits nach wenigen Jahren die Verantwortung für den weltweiten Verkauf. 2011 wurde sie zur Geschäftsführerin ernannt. Nun, mit knapp 63 Jahren und nach beinahe 40 Jahren im Unternehmen verabschiedet sich die IBM-Chefin im April diesen Jahres in den Ruhestand. Die Global-Fortune-500-Frauenquote wird also – zumindest vorübergehend – noch etwas kleiner.

Rühmliche Ausnahme SAP

In den höchsten Führungspositionen deutscher Unternehmen sieht es ganz ähnlich aus: Zwar sitzt in 23 der 30 Dax-Konzerne mindestens eine Frau im Vorstand, den alleinigen Vorsitz hat allerdings keine von ihnen inne. Doch immerhin gibt es mit Jennifer Morgan und Christian Klein seit kurzem ein gemischtes Führungsduo: Im Oktober 2019 übernahm das Team die Geschäftsführung des Softwarekonzerns SAP.

Jennifer Morgan von SAP

Morgan begann 2004 bei SAP, hatte verschiedene Führungspositionen, unter anderem war sie Präsidentin von SAP Nordamerika. Ihr Einsatz für die Gleichstellung und gleiche Entlohnung von Männern und Frauen dort wurde mit der EDGE-Zertifizierung des Weltwirtschaftsforums belohnt. In einer aktuellen Studie des Analysehauses Equileap zur Geschlechtergleichheit in 255 europäischen Unternehmen landete SAP als bester deutscher Vertreter auf Platz zehn.

"Bei SAP reden wir nicht nur über Diversität und Inklusion bei den Mitarbeitern, wir lassen den Worten auch Taten folgen", sagt Jennifer Morgan. Vor ihrer Berufung zur Vorstandssprecherin verantwortete sie den Cloud-Geschäftsbereich des Software-Konzerns. Unter ihrer Führung überstiegen 2018 die SAP-Clouderlöse zum ersten Mal in der fast fünfzigjährigen Geschichte des Unternehmens die Softwarelizenzerlöse.

Die Dynamik nimmt zu

Katharina Wrohlich, Leiterin der Forschungsgruppe Gender Economics am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin untersucht regelmäßig den Fortschritt in Sachen Gleichstellung. Eine Erkenntnis aus dem aktuellen DIW Managerinnen-Barometer: „Unsere Erhebungen zeigen zwar, dass im vergangenen Jahr der Frauenanteil in den Vorständen etwas stärker gestiegen ist als in den Jahren zuvor, der Weg zur Geschlechterparität in Spitzenpositionen ist jedoch nach wie vor weit.“

Positiver sieht es in den Aufsichtsräten aus, also den übergeordneten Kontrollgremien. Hier stieg die Frauenquote in den Dax-30-Unternehmen jüngst auf über 35 Prozent. Verantwortlich dafür ist nicht zuletzt die seit 2016 geltende gesetzliche Mindestquote von 30 Prozent für neu zu besetzende Aufsichtsratspositionen. Zudem sprechen einige Indizien dafür, dass die Frauenquote für Aufsichtsräte positiv auf die Entwicklung in den Vorständen wirkt. „Aufsichtsratsmitglieder haben grundsätzlich viele Möglichkeiten, die Besetzung von Vorständen zu beeinflussen und damit auf mehr Frauen in den Chefetagen hinzuwirken“, erklärt Wrohlich.

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Stand: 04.03.2020